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Gehirnmassage

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Florian Rötzer 23.05.2001

Erstaunliche Wirkungen werden der Magnetstimulation des Gehirns zugeschrieben, aber was dabei genau vor sich geht, ist noch unbekannt

Warum es funktioniert und welche Wirkungen es genau hat, ist noch weitgehend unbekannt, aber die Stimulation des Gehirns durch magnetische Felder ist seit der Entwicklung der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) in den 80er Jahren schon fast zu so einem Wundermittel geworden, wie es einst im Zeitalter der Aufklärung der Mesmerismus oder eben der Magnetismus war.

Nach der Entdeckung der geheimnisvollen Elektrizität, die irgendwie die Körper zum Zucken bringt, wie man durch Galvani an den Fröschen gesehen hatte, und schließlich der Irritabilität der Nerven durch Albrecht von Haller glaubte man im 18. Jahrhundert ein übergreifendes Medium, das Fluidum des Lebens, gefunden zu haben: den Magnetismus dieser eben entdeckten "tierischen Elektrizität", die schließlich der deutsche Arzt Mesmer für seine spektakulären Heilversuche benutzte. Wie so oft bei Entdeckungen und technischen Innovationen, die große Wirkungen zu verursachen scheinen, deren Mechanismen aber nicht genau gewusst werden, waren die Menschen geteilt zwischen Begeisterung und der skeptischen Haltung, die Mesmeristen als Scharlatane zu bezeichnen. Aufgeheizt war die Stimmung schon zuvor, denn Vorführungen mit Elektrizität waren an der Tagesordnung und sollten die Menschen erstaunen. Und dass es irgendeine Energie geben müsse, die alles belebt, war Allgemeingut.

Man schickte mit der Hilfe von Maschinen - den "Baquets", mit Eisensplittern und Flaschen, die mesmerisiertes Wasser enthielten, gefüllte Fässer, oder Leydener Flaschen - Elektrizität durch eine "Kette" von Menschen. Diese mesmerisierte oder massierte die "Pole" im Körper und löste mitunter heftige Konvulsionen aus, um schließlich, nachdem die Sperren überwunden waren, die den Fluss des Fluidums behinderten, zur Harmonie zu führen. Geübte Mesmeristen brauchten keine Elektrizität, sie konnten den Fluss auch durch eine Massage der geeigneten Pole in Gang setzen. Weil man gerne dazu Bauchgegend hernahm, kursierten bald Gerüchte über den sexuellen Magnetismus, zumal besonders Frauen zu konvulsivischen Anfällen neigten. An mesmeristischen Sitzungen nahmen normalerweise Gruppen teil, da man davon ausging, dass jedes "Kettenglied" die Kraft stärkte, und es wurde Musik gespielt, die die Seele bekanntlich auf ganz besondere Weise massiert.

Nachdem die Versuche mit dem Magnetismus so erfolgreich waren und von vornehmlich romantischen Naturphilosophen in ihre Gedankengebäude mit aufgenommen wurde, kam gar 1816 eine von der preußischen Regierung eingesetzte Expertenkommission zu einem positiven Urteil, worauf Lehrstühle für Mesmerismus in Berlin und Bonn eingerichtet wurden. Sich mesmeristisch behandeln zu lassen, gehörte zum guten Ton, bis dann die Mode wieder aus der Welt kam - und später die wesentlich brutalere Methode der Elektroschocks zur Behandlung von psychischen Krankheiten aufkam, die zwar allerdings aus ebenfalls noch weitgehenden unbekannten Gründen Patienten zumindest vorübergehend aus ihren Depressionen oder Wahnvorstellungen herausreißen konnte, aber auch zu Verletzungen und bei häufiger Behandlungen zu Zerstörungen von Gehirngewebe führen konnte. Gerieten in den mesmeristischen Sitzungen manche Patienten in Ekstase, so bäumte sich ganz ähnlich durch den starken Stromfluss der Körper des mit Elektroschocks Behandelten auf.

Natürlich kann man auch gezielt mit Elektroden Nervenzellen stimulieren und damit bestimmte neuronale Aktivitäten hervorrufen, aber dazu muss erst einmal ein Loch in die Schädeldecke gebohrt werden. Die rTMS, mit der man von außen mit der Hilfe einer kreisförmigen Stimulationsspule, verbessert mittlerweile zu einer Schmetterlingsspule in Form einer 8, ein elektromagnetisches Feld durch einen Stromfluss erzeugen kann, scheint da schon eher an den sanfteren Mesmerismus anzuschließen, dessen Theorie dadurch scheinbar auch umgesetzt wird - zumindest was das Gehirn betrifft. Die Spule wird über dem Schädel positioniert, wodurch im Gehirn wiederum ein Stromfluss induziert wird, der offenbar kognitive Prozesse verbessern und Depressionen lindern kann.

Angewendet wurde die Magnetstimulation, die überdies eine relativ billige Technik ist, seit Mitte der achtziger Jahre in der neurologischen Diagnostik, um festzustellen, was die verschiedenen Hirnareale machen und wie sie interagieren. Ein Stromfluss durch die Spule bringt direkt unterhalb von ihr Neuronen zum "Feuern". Mit einmaligen Stromstößen, die ein bestimmtes Areal gewissermaßen mit Impulsen überschwemmt, lässt sich erkennen, wie dieses mit anderen Arealen zusammenhängt. Doch wiederholte Stromstöße als Impulsserie, die in einer bestimmten Geschwindigkeit das magnetische Feld auf- und abbauen, scheinen längerfristige Wirkungen im Gehirn zu erzielen, auch wenn man ähnlich wie beim Mesmerismus noch nicht weiß, was diese elektrische Massage tatsächlich macht. Längerfristig heißt allerdings nur, so Laura Helmuth in "Boosting Brain Activity From the Outside In" ([External Link] Science 292, Nr. 5520 vom 18 Mai 2001), bis zu einer Stunde nach der Stimulation.

Auch schon allein die Vorstellung einer Gehirnstimulation durch ein Magnetfeld hat etwas Mysteriöses, zumal wenn dann noch Berichte kommen, dass sich damit Depressionen behandeln oder das Denken beschleunigen lassen. In den USA und in Kanada wird man bald die rTMS für die Behandlung von Depressionen zulassen, nachdem mehrere Studien hier eine positiven Effekt bestätigt haben. Offenbar scheint gerade die Stimulierung des linken präfrontalen Kortex bei Depressionen gut anzuschlagen. Andere Studien weisen darauf hin, dass möglicherweise auch Schizophrenie, manisch-depressive Störungen oder Parkinson damit behandelt werden können. Während eine niedere Frequenz die neuronale Aktivität eher beruhigt, steigert eine Frequenz von über 25 Impulsen in der Sekunde die Erregbarkeit.

Aber mindestens ebenso erstaunlich sind andere beobachtete Effekte. Stimuliert man Sprachareale unter dem Schädel, so können Menschen schneller sprechen, beispielsweise schneller Bilder benennen. Werden motorische Areale aktiviert, flutschen Bewegungen in einer affenartigen Geschwindigkeit. Wurde der präfrontale Kortex stimuliert, konnten Puzzles schneller gelöst werden. Aber warum das so ist, entzieht sich, wie gesagt, bislang der wissenschaftlichen Kenntnis. Ein Grund dafür ist, dass man rTMS nicht bei Tieren anwenden kann, da bislang kleinere Spulen nicht gebaut werden können, die ein genügend starkes Magnetfeld erzeugen. Manche meinen, tTMS erhöhe möglicherweise die neuronale Grundaktivität, so dass bestimmte Aufgaben schneller ausgeführt werden können. Und ob die Technik wirklich ganz [External Link] sicher ist, bleibt auch noch abzuwarten, auch wenn bislang noch keine langfristigen negativen Folgen bekannt wurden. Eric Wassermann, Leiter der [External Link] Abteilung für Gehirnstimulation im National Institute of Neurological Disorders and Stroke (NINDS) in Bethesda warnt, dass alles, was gut funktioniert, "auch bedeutsame Nebenwirkungen verursachen kann".

Allerdings bleibt die Gehirnstimulation auf die Gehirnareale wenige Zentimeter unter der Schädeldecke beschränkt, da das Magnetfeld tiefer zu keinen Wirkungen mehr führt. Vieles, was man sich vielleicht vorstellen könnte, mit einer solchen elektrischen Massage in Schwung zu bringen, bleibt dieser Behandlung also entzogen. Das betrifft beispielsweise auch die Lustzentren des Gehirns.

LINKS

(1) www.sciencemag.org

(2) www.biomag.helsinki.fi/tms/safety.html

(3) www.ninds.nih.gov/about_ninds/labs/104.htm

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