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Das Oregon Experiment

Bereits 1970 trat der Architekt Christopher Alexander dafür ein, Anwendern bzw. Kunden schon während der Entwicklungsphase umfassende Macht einzuräumen. Nicht etwa studierte oder anderweitig qualifizierte Experten, sondern diejenigen Personen, die ein Produkt letztendlich nutzen und somit am direktesten betroffen sind, müssten direkt in die Planung und Umsetzung involviert werden.

Ein System, dessen Anforderungen mittels eines Bottom-Up- Ansatzes von den Anwendern selbst iterativ festgelegt, überprüft und modifiziert werden, sei einem auch von Experten auf lange Hand geplanten und statisch realisierten System überlegen (vgl. Alexander 1975).

Die Leitung der Universität von Oregon (Eugene, Oregon) entschloss sich 1971, Alexanders Thesen auf die Probe zu stellen. Bekannt geworden unter dem Namen The Oregon Experiment beschreibt der tatsächlich umgesetzte Entwurf, das gesamte Campusgelände auf Basis umfassender demokratischer Partizipation und Interaktion aller Studenten und Mitarbeiter neu zu planen, zu gestalten und zu realisieren.

Nun mag dieses Vorgehensmodell auf den ersten Blick nicht sonderlich revolutionär wirken, doch wird die Tragweite dieses Konzeptes bei genauerer Betrachtung und Gegenüberstellung mit der 1975 vorherrschenden Norm schnell ersichtlich.

So wurden die Fußwege auf dem Campusgelände nicht anhand eines von Alexander als erfahrenem Architekten und Landschaftsplaner entworfenen Modells nach Plan umgesetzt.

Stattdessen wurde in einem ersten Schritt auf dem gesamten Gelände Rasen gesät. Erst nachdem sich nach einiger Zeit durch das tagtägliche Begehen der Fläche Trampelpfade herausgebildet hatten, wurden diese in einem zweiten Schritt befestigt.

Die resultierenden Wege entsprachen so den natürlichen Bewegungsmustern der Campusbewohner, nicht dem Zwang, aus ästhetischen oder theoretischen Gründen eine artifizielle und teilweise sogar behindernde Lösung in Kauf nehmen zu müssen.

Auch die Wohngebäude konzipierten die Studenten selbst nach ihren eigenen Bedürfnissen und Vorlieben. In Zusammenarbeit mit Handwerkern und Architekten wurden erste Versionen umgesetzt und nach und nach den sich entwickelnden und verändernden Bedingungen angepasst.

Entwicklungsentscheidungen beruhten explizit nicht auf einem einzelnen, detailliert ausgearbeiteten, Jahre umspannenden Masterplan, sondern wurden nach und nach getroffen; zu dem Zeitpunkt, an dem ihnen zum einen eine hohe Priorität zugeordnet wurde und zum anderen alle ihnen zugrundeliegenden Faktoren feststanden. „Dieses Konzept trägt dem Fakt Rechnung, dass die exakte Beschaffenheit und Tragweite von in der Zukunft liegenden Entscheidungen nicht mit genügender Sicherheit vorhergesagt werden kann.

Objektorientierte Pläne, welche auf detailreichen Annahmen oder Spekulationen über eine ferne Zukunft beruhen, veralten in genau dem Moment, in dem die Zukunft zur Gegenwart wird“ (University of Oregon 2005). Alexander legte den Prozessen sechs Basisprinzipien zugrunde, welche er in seinem gleichnamigen Buch The Oregon Experiment (1975) näher erläuterte.

Als fundamental erachtete er, wie bereits an den beschriebenen Beispielen ersichtlich, die Partizipation (Anwender müssen während des ganzen Planungsprozesses die Oberhand behalten), die Koordination (von einer Zusammenarbeit profitiert der gesamte Campus), einen organischen Ablauf (das Design des Campus wird durch einen laufenden Prozesses abgebildet, nicht durch einen Plan), ein inkrementelles Wachstum (Entwicklungen finden sowohl in großen als auch und in kleinen Schritten statt) und die Definition von gemeinschaftlich festgelegten Designpatterns, an welchen sich die Planungsprozesse orientieren.

Als sechstes Prinzip definierte er die Diagnose, eine in periodischen Abständen durchgeführte Analyse des Campus, welche als Grundlage zur Implementierung neuer Projekte herangezogen wurde.

Die Campusbewohner wurden umfassend über ihre Gefühle und Meinungen befragt. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht, einer gemeinschaftlichen Revision unterzogen und leiteten zukünftige Veränderungen (vgl. Alexander 1975). Zwei Dekaden nach dem Oregon Experiment finden viele der als architektonisches Vorgehensmodell erarbeiteten Leitgedanken in einem ganz anderen Feld großen Widerhall, Unterstützung und Anwendung: dem neuen World Wide Web.